Gastfreundschaft neu gedacht
Es gibt Branchen, die funktionieren. Und es gibt Branchen, die funktionieren – obwohl sie längst nicht mehr funktionieren.
Hotellerie und Gastronomie gehören zur zweiten Kategorie. Die Nachfrage ist groß. Die Häuser sind gut ausgelastet. Und trotzdem arbeiten viele Betriebe am Limit: Steigende Energiepreise, steigende Personalkosten, Fachkräftemangel, sinkende Planungssicherheit. Die Gäste buchen kurzfristiger, vergleichen intensiver, reagieren sensibler auf Preise. Mehr Betrieb ist nicht gleich mehr Ertrag.
Das System steht unter Druck. Und reagiert – wie Systeme unter Druck reagieren: mit zunehmend kurzsichtigem Aktivismus. Mehr Tools. Mehr Plattformen. Mehr Content. Umsatz wird gekauft statt nachhaltig erzeugt. Begleitet von Entwicklungen, die vor allem sich selbst dienen. Influencer, die für eine Übernachtung Bilder posten. Agenturen, die Claims formulieren, die auch zum Hotel nebenan passen. Und die so oft gewechselt werden, dass sie kaum Zeit haben, Wirkung zu entfalten. Was bleibt, ist Austauschbarkeit – und keine Orientierung. Und am Ende sieht dank KI alles gleich aus – nur schneller.
Das alles kostet Geld. Und löst kaum ein Problem. Im Gegenteil: es standardisiert eine Branche, die von Differenz lebt. Denn was hier verkauft wird, ist kein Zimmer und kein Menü. Es ist ein Gefühl. Und das lässt sich nicht katalogisieren.
Der Verband, der die Branche in Deutschland vertritt, arbeitet genau an dieser Schnittstelle. Der DEHOGA versteht sich als Stimme von über zehntausenden Betrieben, organisiert Beratung, Rahmenverträge und politische Interessenvertretung. Das ist notwendig. Keine Frage. Aber es bleibt systemisch. Die entscheidende Frage ist eine andere: Was hilft Betrieben dabei, als Marke stattzufinden – nicht nur als Betrieb?
Im Sparring mit dem DEHOGA ging es genau darum. Nicht mehr Angebote. Sondern sinnvolle Angebote. Was braucht ein Gastronom wirklich, der keine Zeit hat? Was hilft einem Hotelier im operativen Alltag? Die Antwort ist selten ein weiteres Tool. Und fast nie ein weiteres Werbemittel.
Ein ähnlicher Twist zeigt sich im Kleinen. Beim Openhouse Munich. Aus einer klassischen Betriebsgastronomie wird mehr als ein Ort fürs alltägliche Lunch: ein Geheimtipp, der keiner sein will. Tagesbar fürs Quartier, Bühne für Meetings, Events und Begegnungen über den Dächern der Stadt.
Sichtbarkeit entsteht hier nicht als Ziel, sondern als Folge. Nicht über Rankings, „Top 10 Lunch Spots“ oder inszenierte Präsenz für kuratierte Feeds, sondern über das, was vor Ort passiert. Gäste kommen zu Events, erleben den Ort – und tragen ihn weiter. Und genau deshalb funktioniert es. Nicht, weil es besser gesehen wird – sondern weil es weitererzählt wird und im Erleben bleibt.
Die Branche sucht Nachwuchs. Und erklärt sich dabei oft selbst falsch. Die Kampagne Mach dein Ding zeigt, wie es anders geht: Sie spricht nicht über Arbeitszeiten und Tarifmodelle, sondern über Erlebnisse. Über Bühne statt Arbeitsplatz. Über Begegnung statt Dienstleistung. Über Emotion statt Funktion. „Du bist nicht Angestellter, du bist der Key-Player für die besten Momente im Leben Anderer.“ Das ist kein HR-Sprech. Das ist ein Perspektivwechsel. Die Branche bewirbt sich nicht mehr. Sie zeigt, warum sie relevant ist.
Relevanz entsteht nicht durch Argumente. Sondern durch Haltung. Das lässt sich besonders gut dort beobachten, wo sie sichtbar wird. Zum Beispiel bei Produzentenstolz, einem Ansatz, der Herkunft sichtbar macht. Die Idee ist einfach: Nicht das Siegel zählt, sondern die Beziehung. Nicht „regional“ als Verkaufsargument, sondern als belegbare Verbindung zwischen Koch und Produzent. Keine Zertifizierung, sondern ein Bekenntnis. Der Gast kann sehen, von wem sein Essen kommt. Und plötzlich wird aus Information ein Gefühl: Vertrauen. Nähe. Identifikation. Das ist Markenführung. Keine Oberfläche.
Viele Betriebe investieren in Sichtbarkeit. Zu wenige investieren in Bedeutung. Dabei ist längst klar, wo der Hebel liegt: Emotion ist kein Add-on – sie ist das Kapital gut geführter Häuser. Denn Gäste erinnern sich weniger an den Preis als an Erlebnisse. Oder sie erinnern sich gar nicht.
Vielleicht beginnt es genau dort: Nicht bei der Frage, wie man besser verkauft. Sondern bei der Antwort darauf, warum man erinnert wird.
